Mythos entlarvt

Die große Longevity-Lüge: Mediziner rechnet mit dem Hype ab

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Bullshit? Gesund alt werden ist keine Frage spektakulärer Hightech-Trends, sondern vor allem des eigenen Lebensstils. Ein neues Buch erklärt: Die entscheidenden Faktoren sind weit weniger glamourös als viele teure Longevity-Hacks!
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Infusionen, Kryosauna, Blutwäsche, Supplements: der Markt rund um Longevity wächst rasant. Die Sehnsucht dahinter ist verständlich: möglichst lange gesund, fit und leistungsfähig bleiben. Doch genau hier beginnt laut dem Wiener Mediziner und Pharmakologen Prof. Dr. Hubert Trübel bereits das Missverständnis. Denn "Longevity" suggeriere, das Leben einfach immer weiter verlängern zu können. Tatsächlich gehe es aber um etwas anderes: die gesunden Lebensjahre zu maximieren.

Nicht möglichst lange leben, sondern möglichst lange gesund leben. Oder wie es in der Medizin zunehmend genannt wird: Healthspan statt Lifespan. In seinem neuen Buch "Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel" räumt Prof. Trübel mit vielen Mythen der Branche auf und trifft damit einen Nerv. Denn die moderne Langlebigkeitsindustrie verkauft oft spektakuläre Geschichten, während die wirklich wirksamen Maßnahmen erstaunlich unspektakulär bleiben.

DIE WAHRHEIT IST OFT LANGWEILIG

Der größte Irrtum? Zu glauben, Gesundheit könne man kaufen. "Wir verschenken im Schnitt zehn gesunde Lebensjahre", sagt Prof. Trübel, allerdings nicht, weil uns Hightech-Treatments fehlen würden, sondern weil grundlegende Dinge im Alltag nicht konsequent umgesetzt werden. Bewegung. Schlaf. Ernährung. Regeneration.

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Gerade diese einfachen Faktoren hätten laut Studien den größten Einfluss darauf, wie gesund wir altern. Etwa 60 bis 70 Prozent des Alterungsprozesses seien lebensstilbedingt. Die Genetik spiele zwar eine Rolle, aber eine deutlich kleinere als viele glauben. Trotzdem faszinieren spektakuläre Methoden mehr als tägliche Routinen. Blutwäsche klingt aufregender als Spazierengehen. Kryosauna moderner als ausreichend Schlaf. Genau darin liege laut Prof.

Trübel das Problem des Longevity-Business: Viele Angebote wirken innovativ, obwohl ihre wissenschaftliche Evidenz dünn oder gar nicht vorhanden ist.

DIE GROßE SEHNSUCHT NACH KONTROLLE

Vielleicht erklärt gerade das den Erfolg der Branche. Denn Altern konfrontiert uns mit etwas, das viele Menschen nur schwer akzeptieren: Kontrollverlust und Endlichkeit.

Die Vorstellung, man könne mit der richtigen Infusion, dem perfekten Supplement oder einem exklusiven Biohacking-Protokoll den Alterungsprozess "besiegen", verkauft Hoffnung. Vor allem in einer Gesellschaft, in der zwar alle alt werden wollen, aber niemand alt sein möchte. Dabei entsteht oft ein psychologischer Effekt: Wer bereits viel Geld in vermeintliche Gesundheitsmaßnahmen investiert, fühlt sich automatisch "gesundheitsbewusst".

Gleichzeitig werden jene Gewohnheiten vernachlässigt, die tatsächlich wirken würden. Gerade Nahrungsergänzungsmittel seien dafür ein gutes Beispiel. Große Studien hätten bei gesunden Menschen ohne Mangelzustände kaum relevante Vorteile durch Multivitaminpräparate gezeigt. Sie würden meist nicht schaden, aber häufig auch wenig bringen.

WARUM WIR UNTERSCHIEDLICH ALTERN

Altern ist kein gleichförmiger Prozess. Auf zellulärer Ebene verändern sich unter anderem DNA-Reparaturmechanismen, Mitochondrienfunktion und Stoffwechselprozesse. Im Alltag zeigt sich das jedoch viel greifbarer: durch sinkende Leistungsfähigkeit, geringere Regeneration und abnehmende körperliche Belastbarkeit.

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Ein zentraler Marker ist etwa die maximale Sauerstoffaufnahme (VO²max). Sie sinkt mit dem Alter kontinuierlich, ebenso die maximale Herzfrequenz. Diese Entwicklung lässt sich nicht vollständig stoppen, aber deutlich beeinflussen. Denn Altern ist nur teilweise genetisch bestimmt. Etwa 30 Prozent werden der Genetik zugeschrieben, während 60 bis 70 Prozent vom Lebensstil abhängen: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress, Rauchen oder Sonnenexposition. Hinzu kommt ein oft unterschätzter biologischer Faktor: Der Grundumsatz sinkt mit dem Alter um etwa 120 Kalorien pro Jahrzehnt. Wer seine Gewohnheiten nicht anpasst, nimmt schleichend Einfluss auf seinen Stoffwechsel, meist ohne es bewusst zu merken.

DIE UNTERSCHÄTZTE MACHT DES ALLTAGS

Die wirksamsten Interventionen sind deshalb keine Hightech-Ansätze, sondern Basisgewohnheiten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150, besser 300 Minuten Bewegung pro Woche. Regelmäßige körperliche Aktivität kann nicht nur die VO²max verbessern, sondern verschiebt das gesamte Leistungsniveau nach oben. Menschen altern dadurch nicht weniger, aber von einem höheren Ausgangsniveau. Entscheidend ist dabei nicht die Intensität einzelner Maßnahmen, sondern ihre Konstanz.

Wer Bewegung, Ernährung und Regeneration dauerhaft integriert, beeinflusst seine "biologische Ausgangslage" langfristig stärker als durch einzelne Interventionen. Auch Ernährung wird oft falsch verstanden, nicht als kurzfristige Optimierungsstrategie, sondern als tägliche Grundlage. Unverarbeitete Lebensmittel, stabile Mahlzeitenstrukturen und ausreichend Flüssigkeit wirken langfristig deutlich stärker als kurzfristige Trends oder extreme Diäten.

WARUM SPEKTAKULÄRE METHODEN SO GUT FUNKTIONIEREN

Dass trotz fehlender Evidenz viele Longevity-Angebote erfolgreich sind, hat einen klaren Grund: Sie erzählen bessere Geschichten. Blutwäsche oder Kryotherapie wirken technisch, exklusiv und hochmodern. Sie vermitteln das Gefühl, aktiv in biologische Prozesse eingreifen zu können. Dem gegenüber stehen einfache Empfehlungen wie ausreichend Schlaf oder regelmäßige Bewegung – sie wirken banal, fast enttäuschend unspektakulär.

Genau diese Diskrepanz macht die Branche so erfolgreich. Denn Menschen reagieren stärker auf Narrative als auf Daten. Doch eine überzeugende Geschichte ersetzt keine wissenschaftliche Evidenz. In einigen Fällen kann das sogar gefährlich werden. Einzelne experimentelle Verfahren wurden bereits angeboten, bevor belastbare Studien vorlagen, mit teils schweren gesundheitlichen Zwischenfällen. Das zeigt, wie groß die Lücke zwischen Marketing und Medizin teilweise ist.

WARUM ALTERS-FORSCHUNG SO SCHWIERIG IST

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Ein zentrales Problem der Longevity-Forschung ist die Zeit. Um wirklich belastbare Aussagen über Lebensverlängerung oder Krankheitsvermeidung zu treffen, bräuchte es große, kontrollierte Langzeitstudien über Jahrzehnte. Stattdessen wird oft mit sogenannten Biomarkern gearbeitet, also indirekten Messgrößen. Beispielsweise wird untersucht, ob ein Stoff den Cholesterinspiegel senkt und daraus auf ein geringeres Herzinfarktrisiko geschlossen.

Das ist wissenschaftlich plausibel, bleibt aber ein Modell und keine endgültige Aussage. Deshalb ist die Bewertung vieler Longevity-Angebote für Laien schwierig. Orientierung bieten vor allem Studienqualität: randomisierte, kontrollierte Designs mit Placebo-Gruppen sind deutlich aussagekräftiger als Erfahrungsberichte oder Einzelfälle.

WAS WIRKLICH SINN MACHT UND WAS NICHT

Trotz der Kritik gibt es durchaus sinnvolle Entwicklungen im Bereich Longevity. Dazu zählen moderne Vorsorgeuntersuchungen, genetische Risikoanalysen oder verbesserte Methoden der Krebsfrüherkennung. Sie basieren auf überprüfbaren Daten und können helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Evidenz: Während viele Lifestyle-Angebote vor allem auf Versprechen beruhen, liefern medizinische Präventionsmaßnahmen messbare Grundlagen. Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Punkt bestehen: Auch der beste Lebensstil garantiert keine Gesundheit. Genetik und Zufall bleiben immer ein Restrisiko.

DIE UNBEQUEME WAHRHEIT HINTER GESUNDEM ALTERN

Vielleicht ist genau das die provokanteste Erkenntnis des gesamten Longevity-Trends: Gesundheit entsteht selten durch Extreme. Nicht durch die teuerste Infusion. Nicht durch den neuesten Hype. Und meist auch nicht durch Perfektion. Sondern durch konsequente, oft unspektakuläre Entscheidungen, die sich täglich wiederholen.

Oder wie Autor Prof. Dr. Hubert Trübel es sinngemäß formuliert: Mit 20 Prozent Aufwand lassen sich oft 80 Prozent des Effekts erzielen. Die eigentliche Herausforderung liegt also möglicherweise nicht darin, länger zu leben. Sondern darin, Verantwortung für den eigenen Alltag zu übernehmen, lange bevor Krankheit entsteht.

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