Versorgung im Wandel

Große Pläne, doch Ärztezentren stoßen an Grenzen

Sechs Ärzte in weißen Kitteln stehen im Kreis und halten Stethoskope nach vorne.
© Getty Images
Längere Öffnungszeiten, medizinische Hilfe auch ohne Termin und weniger Patienten in Spitalsambulanzen. Das sollen Primärversorgungseinheiten ermöglichen. Doch beim Ausbau gibt es erhebliche Hürden.
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Längere Öffnungszeiten, medizinische Hilfe auch ohne Termin und weniger Patienten in den Spitalsambulanzen. Primärversorgungseinheiten sollen die Gesundheitsversorgung verbessern. Doch ausgerechnet in Wien stoßen die Einrichtungen beim Ausbau an ihre Grenzen. Das zeigt ein Blick in die Leopoldstadt.

Wer akute Beschwerden hat, muss nicht gleich in die Spitalsambulanz. Viele gesundheitliche Probleme lassen sich auch beim Hausarzt behandeln. Genau hier setzen sogenannte Primärversorgungseinheiten (PVE) an. In diesen Zentren arbeiten Allgemeinmediziner gemeinsam mit Pflegekräften und Fachleuten aus anderen Gesundheitsberufen unter einem Dach.

Österreichweit gibt es mit Stand September bereits 120 solcher Einrichtungen, darunter 15 speziell für Kinder. Bis 2030 soll die Zahl laut den Regionalen Strukturplänen Gesundheit auf 257 steigen. Wie das Modell im Alltag funktioniert, zeigt die PVE Karmeliterviertel in der Leopoldstadt.

Medizinische Hilfe auch ohne Termin

Angefangen hat alles 2016 mit einer Ordination von Allgemeinmedizinerin Kerstin Wörther. Daraus ist zunächst eine Gruppenpraxis entstanden, die seit Oktober 2025 als Primärversorgungseinheit geführt wird. Gemeinsam mit Katja Schattauer und Martin Wurz betreibt Wörther das Gesundheitszentrum, das 50 Stunden pro Woche geöffnet hat. Abgesehen von Wochenenden und gesetzlichen Feiertagen gibt es keine Schließtage.

Wer plötzlich Beschwerden bekommt, kann auch ohne Termin vorbeikommen. Damit sollen Patienten schneller medizinische Hilfe erhalten, ohne gleich eine Spitalsambulanz aufsuchen zu müssen. Gerade wenn die eigene Hausarztordination geschlossen ist, könne das Modell viel auffangen, erklärt Wurz, der die Situation auch aus seiner Arbeit beim Ärztefunkdienst kennt.

Mehrere Ärzte unter einem Dach

Drei Personen in weißer Kleidung mit Logo stehen lächelnd in einem hellen Flur.
Ärzteteam PVE Karmeliterviertel. © Martin Hörmandinger Photography

Der Vorteil liegt vor allem in der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Neben den Allgemeinmedizinern gehören auch diplomierte Pflegekräfte, eine Diätologin und eine klinische Psychologin zum Team. Dadurch können mehr Beschwerden direkt vor Ort abgeklärt und Patienten bei Bedarf gezielt weiterbetreut werden.

Trotz des größeren Teams soll die persönliche Betreuung nicht verloren gehen. Menschen mit chronischen Erkrankungen können weiterhin Termine bei ihrem bevorzugten Arzt vereinbaren. Bei akuten Problemen übernimmt hingegen ein verfügbarer Kollege. "Patienten beginnen also nicht bei jedem Besuch wieder bei null", erklärt Schattauer. Die Ärzte können auf die vorhandene Krankengeschichte zugreifen und eine begonnene Behandlung fortsetzen.

Viele Wiener kennen das Modell noch nicht

Obwohl immer mehr Gesundheitszentren entstehen, wissen viele Menschen noch wenig über das Angebot. Schon die Bezeichnung ist laut Wörther ein Problem. "Hausarztordination oder Ärztezentrum sind unmittelbar verständlich, Primärversorgungseinheit ist in der Bevölkerung aber noch nicht wirklich angekommen", schildert die Allgemeinmedizinerin.

Das zeigt sich auch auf dem Gesundheitsportal DocFinder, wo Patienten nach Ärzten in ihrer Nähe, bestimmten Behandlungen und verfügbaren Terminen suchen. "Patienten suchen meist nicht nach einer bestimmten Organisationsform", erklärt DocFinder-Geschäftsführer Gerald Timmel. Entscheidend sei, dass Informationen über das medizinische Angebot und die Öffnungszeiten leicht zu finden sind.

Für mehr Bekanntheit sollen auch Patientenbewertungen sorgen. Heuer nehmen Primärversorgungseinheiten erstmals am DocFinder Patients' Choice Award teil, bei dem Einrichtungen anhand der Rückmeldungen ihrer Patienten zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten.

Zusätzliche Ärzte fehlen

Doch selbst wenn mehr Patienten den Weg in die Gesundheitszentren finden, ist damit noch nicht jedes Problem gelöst. In der PVE Karmeliterviertel wird vor allem die Personalsuche zunehmend zur Herausforderung. "Wenn wir mehr Patienten versorgen oder unsere Öffnungszeiten weiter ausbauen wollen, brauchen wir zusätzliche Ärzte. Genau hier stoßen wir aber an Grenzen", betont Wörther.

Ein Problem sind laut den Betreibern die strengen Vorgaben für die Anstellung weiterer Mediziner. Die Einrichtung bildet selbst junge Ärzte aus und würde geeignete Nachwuchskräfte gerne langfristig übernehmen. Doch Genehmigungen lassen mitunter wochenlang auf sich warten oder werden gar nicht erteilt. "Wenn Entscheidungen darüber über Wochen offen sind oder eine Anstellung nicht genehmigt wird, hindert uns das daran", kritisiert Wurz.

Zweieinhalb Jahre auf Raumsuche

Auch die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten stellt die Betreiber vor Probleme. Primärversorgungseinheiten benötigen mehrere Behandlungsräume und ausreichend Platz für das gesamte Team. Zudem müssen die Standorte barrierefrei und gut erreichbar sein.

Für die PVE Karmeliterviertel hat die Suche rund zweieinhalb Jahre gedauert. "Gerade in Wien gibt es zwar viele Geschäftslokale, aber deutlich weniger Flächen, die für eine größere medizinische Einrichtung tatsächlich geeignet und finanzierbar sind", berichtet Wurz. Ohne finanzielle Unterstützung bei den Umbaukosten wäre die Umsetzung noch schwieriger gewesen.

Trotz dieser Probleme wollen die Ärzte das Modell weiterentwickeln. Schließlich können längere Öffnungszeiten und die Zusammenarbeit mehrerer Berufsgruppen dazu beitragen, Patienten schneller zu behandeln und die Spitalsambulanzen zu entlasten. Dafür braucht es aus Sicht der Betreiber allerdings bessere Rahmenbedingungen bei der Personalsuche und geeignete Räumlichkeiten.

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