"Komödie der Verführung" tanzt in der Josefstadt am Abgrund
Äußerst selten gelingt es am Theater, längst vergessene Stücke wieder zum Leuchten zu bringen. Allzu oft sind solche Wiederbelebungsversuche jedoch zum Scheitern verurteilt. So verhält es sich auch mit Arthur Schnitzlers selten gespielter "Komödie der Verführung", mit der Marie Rötzer am Donnerstag ihre Direktion am Theater in der Josefstadt eröffnet hat. Die durchaus einfallsreiche, aber überladene Regie von Ildikó Gáspár konnte die Schwächen des Textes nicht verschleiern.
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Die Prämisse scheint einleuchtend: Eine eskapistische Gesellschaft tanzt am drohenden historischen Abgrund durch die Nacht und ignoriert den absehbaren Untergang. Diese Stimmung kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Schnitzler in seinem 1924 uraufgeführten Bühnenstück abzubilden versuchte, bietet sich als Spiegel der aktuellen Verschiebung jener Weltordnung an, in der wir es uns in den vergangenen Jahrzehnten allzu gemütlich gemacht haben. Doch ist "Komödie der Verführung" weder Schnitzlers bestes Stück noch die tiefgreifendste literarische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Mehr Schein als Sein beim Tanz über dem Abgrund
Etwa neun Stunden würde es dauern, das 300 Seiten umfassende Werk mit seinen 25 Charakteren ungekürzt auf die Bühne zu bringen, hatte die ungarische Regisseurin im Vorfeld im APA-Interview erklärt. Sie entschied sich für eine radikale Kürzung und gleichzeitig für eine musikalische Erweiterung durch Motive aus Emmerich Kálmáns 1915 uraufgeführter Operette "Die Csárdásfürstin". Am Ende des dreistündigen Abends war jedoch klar: Weder hat die Kürzung Kurzweiligkeit gebracht, noch führte die musikalische Anreicherung zu einem nennenswerten Mehrwert. Und der Abend spiegelte am Ende doch nur das wider, was er anzuprangern versuchte: mehr Schein als Sein.
Dass Gáspár das Stück laut eigenen Angaben mit Dialogfragmenten von Karl Kraus und Gedichten aus dem Wiener Kabarett des frühen 20. Jahrhunderts angereichert hat, offenbart die großen Leerstellen des Originals umso mehr. Im Zentrum stehen drei Frauenfiguren und ihre wechselnden Liebschaften, ein buntes Treiben zwischen Lust und Kalkül, Leidenschaft und Leichtsinn. Motive, die der Autor in Werken wie dem "Reigen", "Liebelei" oder der "Traumnovelle" weitaus präziser verhandelt hat. Der Spagat, die Verwirrungen der Liebschaften und den drohenden Weltkrieg unter einen Hut zu bringen, geht hier nicht auf.
Buntes Treiben zwischen Lust und Kalkül, Leidenschaft und Leichtsinn
Dabei bietet Gáspár mit den 13 Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Ensemble starke Charakterzeichnungen. Zur beeindruckenden Live-Musik von Flora Lili Matisz, die zwischen Techno und Operettenseligkeit oszilliert, trifft sich die feine Gesellschaft im Frühjahr 1914 auf einem Maskenball des Prinzen von Perosa. Gespielt wird vor allem im ersten Teil des Abends weniger auf der Bühne, sondern im Foyer, in den Sträußelsälen, in Logen und auch im Zuschauerraum. Mittels Live-Video (Balász Domokos) wird das Geschehen auf einen Gaze-Vorhang auf der Bühne projiziert. So wird das ehrwürdige Interieur der Josefstadt selbst zum Bühnenbild, in dem die Spielerinnen und Spieler in extravaganten Kostümen mit queerem Anstrich (Luca Szabados) ihre Party feiern.
Die drei zentralen Frauenfiguren hat Gáspár deutlich aufgewertet und ihnen einen selbstbestimmten Anstrich verpasst. Silvia Meisterle gibt eine herrlich abgespannte Gräfin Aurelie (die optisch an Uma Thurman als Mia in Pulp Fiction erinnert), die kurzzeitig mit dem Freiherrn Ulrich von Falkenir (Joseph Lorenz im Anzug mit Nietengürtel) verlobt ist, aber auch vom Schriftsteller Ambros (Martin Niedermair) umschwärmt wird, schließlich aber am selben Abend ein Verhältnis mit dem kecken Jungspund Max von Resenberg (grandios zwischen rasender Liebe und perfidem Opportunismus wechselnd: Nils Arztmann) beginnt.
Jeder ist sich selbst der Nächste
Der junge Mann sieht sich aber auch mit dem erotischen Interesse der Sängerin Judith (Johanna Mahaffy) und der Violinistin Seraphine (Lili Winderlich) konfrontiert - und nimmt alle drei. Den übrigen Männern bleibt es da nur mehr vorbehalten, einander im Taumel der Party verschwörerische Andeutungen auf einen nahenden Krieg zuzuraunen. Als eine Art Spielleiterin führt eine exaltiert-mondäne Ulli Maier durch den Abend, der hauptsächlich in den hineinmontierten Gesangseinlagen gesellschaftspolitische Kraft entfaltet.
Wenige Monate später trifft sich die illustre Runde in Gilleleije am dänischen Strand wieder. Aus den Kriegsgerüchten ist mittlerweile bittere Realität geworden, die Beziehungskonstellationen werden noch einmal bunt durchgemischt und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nächste. Dass man auf diese Erkenntnis drei Stunden warten musste, ist trotz der aufwendigen Regie, der tollen Kostüme und der intensiven Schauspielleistung des Ensembles ernüchternd. Entsprechend verhalten fiel der von einzelnen Jubelrufen durchsetzte Schlussapplaus aus.
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