"Harter Winter"

Militär-Experte: Putin zwingt Ukraine in die Knie

Ein Mann im Anzug sitzt an einem großen Tisch mit russischen Flaggen im Hintergrund.
© APA/AFP/POOL/MIKHAIL METZEL
Eine Befürchtung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist nach Ansicht eines österreichischen Militärexperten durchaus realistisch.
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Der russische Präsident Wladimir Putin sei "zutiefst überzeugt, die Ukraine im Winter endgültig in die Knie zu zwingen", sagte Bundesheer-Oberst Markus Reisner der APA. Trotz US-Vermittlungsbemühungen sieht Reisner "keinerlei Entgegenkommen von russischer Seite", sondern im Gegenteil eine Eskalation der Luft- und hybriden Angriffe.

Signale einer Deeskalation fehlten, erklärte Reisner. "Wir sehen im Gegenteil eine Eskalation der Luftkriegsführung auf die Ukraine, und wir sehen auch eine Eskalation der hybriden Kriegsführung gegenüber Europa." So habe Moskau nach dem Besuch des Direktors des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, John Ratcliffe, Ende August etwa seine Luftangriffe gegen die Ukraine massiv verstärkt. "Das ist eigentlich die Antwort von Putin auf die Initiative der USA gewesen." Auch dass der US-Sondergesandte Steve Witkoff und der Schwiegersohn des US-Präsidenten, Jared Kushner, am Sonntag nicht nach Kiew fliegen konnten, sondern den Zug nehmen mussten, sei ein Beleg dafür. Die zuvor erfolgten russischen Luftangriffe auf die Flughäfen in der Umgebung von Kiew hätten eine Reise mit dem Flugzeug verunmöglicht.

Trotz der Zuversicht könne sich Russland keine großen militärischen Erfolge an der Front erwarten. Diese sei "mehr oder weniger nahezu erstarrt", sagte Reisner. Auf der "taktisch-operativen Ebene" seien also "keine großen Veränderungen zu erwarten" - mit Ausnahme davon, dass unter Umständen nach der Duma-Wahl eine Mobilisierung zusätzlicher Kräfte stattfinden könnte. Anders sei die Lage auf der "strategischen Ebene": Russland nehme Tankstellen und die Energieversorgung der Ukraine ins Visier. Der ukrainische Energieminister räumte unlängst ein, dass circa 80 Prozent der kritischen Infrastruktur der Ukraine, vor allem die Energieversorgung, beschädigt oder zerstört seien. "Das ist der Punkt, wo Putin ansetzt, und Putin glaubt, dass er jetzt diesen Winter nützen kann, um die Ukraine quasi in die Knie zu zwingen."

Fehlende Abwehrraketen als Achillesferse

Selenskyj fordere daher die Lieferung von Abwehrraketen. Denn Patriot-Abwehrraketen seien "das entscheidende Mittel, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper zur Wehr setzen zu können". Auch gegen Gleitbomben an der Front seien sie notwendig. Allein in der Nacht auf Dienstag habe die Ukraine nur etwa die Hälfte der rund 60 russischen Raketen abschießen können. "Das ist die Achillesferse, die Putin erkennt." Die Amerikaner hätten im Krieg gegen den Iran rund zwei Drittel ihres Arsenals an Patriot-Raketen aufgebraucht. "Aber natürlich könnten die USA noch etwas liefern, beziehungsweise gibt es auch einige Staaten, die einen Bestand haben."

Die USA würden "hier mit zweierlei Maß agieren", erklärte der Militärexperte weiter. Einerseits geben sie der Ukraine Unterstützung mit Aufklärungsdaten, damit die Ukraine in der Lage sei, mit Langstreckendrohnen anzugreifen und damit Druck auf Russland auszuüben. Andererseits verwehre sie der Ukraine aber auch Patriot-Raketen, "um den Russen Druckmöglichkeiten zu geben". Die USA möchten wohl, dass beide Seiten nachgeben und für einen Kompromiss bereit sind. Dass europäische Staaten es nicht geschafft haben, die Produktion von Fliegerabwehrsystemen signifikant zu erhöhen, bezeichnete Reisner als "absolute Niederlage". Auch Alternativen wie SAMP/T oder IRIS-T würden in zu geringem Stückausmaß von z.B. bis zu 150 Stück (SAMP/T) produziert. Die Produktion von Patriot-Raketen dagegen soll von 650 auf 1.000 pro Jahr steigen.

Dass die USA der Ukraine eine Lizenz zur Produktion der Patriot-Raketen in Aussicht gestellt haben, sei zwar eine positive Nachricht. Doch mit der Produktion könne erst im Frühling oder Sommer begonnen werden. "Das ist jetzt das Entscheidende: Was passiert bis dorthin? Würden die USA es jetzt wirklich ernst meinen, dann würden sie den Ukrainern auch zugestehen, über die nächsten Monate eine gewisse Stückzahl an Raketen zu haben, damit sie diese Lücke überstehen können." Die von Selenskyj geforderten 300 Stück seien hier "sehr realistisch", um die in der Regel zwei schweren Luftangriffe pro Monat abwehren zu können.

Russen errichten Drohnenabschussbasen

Die Russen dagegen hätten ihre Produktion von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen konstant gesteigert. Im Vorjahr betrug die Produktionsrate circa 130 bis 150 Stück, "und jetzt haben wir bereits eine Produktionsrate von 200 Stück", sagte Reisner. Hinzu kämen noch nordkoreanische Raketen zum Beispiel vom Typ KN-23. Zusätzlich gebe es im Drohnenbereich eine Entwicklung zuungunsten der Ukraine. Bisher habe Kiew den Vorteil gehabt, die relativ langsam fliegenden Drohnen vom Typ Garant-2 leicht abschießen zu können. Die Abschussraten für die "fliegendes Moped" genannten Drohnen lagen bei 80 bis 90 Prozent. Nun hätten die Russen aber die Produktion auf schnellere Drohnen umgestellt. Garant-5 etwa fliege mit bis zu 600 km/h. "Das macht es wieder extrem schwierig für die Ukraine."

Auf Satellitenaufnahmen sehe man zudem, dass die Russen in den besetzten Gebieten in der Ukraine, aber auch in den Grenzregionen "massiv neue Drohnenabschussbasen bauen", vor allem für die Systeme Garant-3, 4 und 5, im Prinzip in Vorbereitung auf die Winteroffensive. "Aufgrund dieser Abschussrampen kann man davon ausgehen, dass die Russen damit die Luftkriegsführung in den nächsten Monaten noch massiv steigern werden, also zusätzlich zu den ballistischen Raketen und Marschflugkörpern auch der Angriff mit diesen jetgetriebenen Garant-3-, 4- und 5-Drohnen, was den Druck auf die Ukraine natürlich zusätzlich erhöht."

Mehr hybride Angriffe auf Europa

Russland werde versuchen, den Winter zu nützen, um die kritische Infrastruktur der Ukraine zu treffen, und parallel hybride Angriffe auf Europa durchzuführen. Moskau gehe es dabei darum, die Bevölkerung in Europa so zu verunsichern, dass der Druck auf die Regierungen steigt, Produktionen zur Unterstützung der Ukraine einzustellen. Langstrecken-Drohnenangriffe der Ukrainer auf Gebiete tief in Russland seien schließlich vor allem deswegen möglich, weil einige europäische Staaten Drohnen beziehungsweise Drohnenbauteile wie Motoren fertigen und der Ukraine zur Verfügung stellen, erinnerte Reisner. Dänemark sei das erste Land gewesen, das den Ukrainern zugesagt habe, Waffenproduktion auf seinem Territorium für die Ukraine zuzulassen. Auch deutsche Firmen seien in der Drohnenproduktion engagiert.

Reisner erwartet auch eine weitere Zunahme von Sabotagefällen. Beim Drohnenfund von Leipzig ging es Russland darum, einen sehr wichtigen Transportknotenpunkt der Ukraine anzugreifen. Ob der Sprengsatz durch Zufall oder Absicht nicht gezündet sei, macht aus der Sicht des Militärexperten "keinen Unterschied, weil man in beiden Fällen davon ausgehen muss, dass es zu einer Eskalation gekommen wäre." Angst und Schrecken zu erwirken, habe man so oder so erreicht. Der Experte erinnerte auch an den Fund von sprengstoffbeladenen Paketen 2024, die nur wegen einer Verspätung nicht an Bord eines DHL-Frachtflugzeugs entzündet wurden, oder den Versuch, drei deutsche Marineschiffe unbrauchbar zu machen. Dass das Baltikum Ziel von begrenzten russischen Angriffen sein könne, sei ebenfalls "durchaus vorstellbar". Es sei notwendig sich für weitere Eskalationen vorzubereiten.

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